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Einleitung
Die Reformdebatte um den Sozialstaat läuft schon seit Jahrzehnten, wobei alte Positionen oft nur in einem neuen Gewand auftauchen. Wirklich neue Ideen treten selten in Erscheinung. Grund genug für einen neuen Ansatz, um in einer anderen Weise über das System der sozialen Sicherheit nachzudenken, als es bisher in der Diskussion üblich gewesen ist. Häufig werden extreme Positionen aufgebaut: Auf der einen Seite entwirft man utopische Gegenwelten, die weltfremd erscheinen und ideologisch aufgeladen sind. Ihnen liegt ein rigoroser Moralismus zugrunde, der nicht in der Realität verankert ist. Auf der anderen Seite zieht man sich auf Sachzwänge zurück und betreibt „Realpolitik“: Es geht um die reine Rechtfertigung bestehender Verhältnisse – Reformen bringen keine Erneuerung, sondern zementieren den Status quo. In diesem Buch wird aber ein Mittelweg eingeschlagen. Für die Vorschläge in diesem Buch bedeutet das: Immer wird darauf geachtet, dass die Reformideen einen realistischen Hintergrund haben. Es werden keine Utopien entwickelt, es wird keine „Realpolitik“ vorgeschlagen – diese Extreme werden vermieden, um das bestehende Sozialsystem realistisch weiterzuentwickeln. Auf der einen Seite dominiert in der sozialpolitischen Debatte der Blick nach Westen, Norden und Süden in die angelsächsischen, skandinavischen und alpinen Ländern, dabei wird das deutsche Sozialmodell abgeschrieben. Auf der anderen Seite wird die praktische Politik seit dem Zweiten Weltkrieg von Sozialpolitikern der Union und SPD in der Regel in einer informellen, gelegentlich wie derzeit, auch formellen großen Koalition leider ohne konkrete und stringent ausgearbeitete Visionen bestimmt.
Thema Die soziale Sicherheit in Deutschland im engeren Sinne hat fünf Säulen:
Die soziale Sicherheit in Deutschland im weiteren Sinne kommen weitere Säulen hinzu:
Im folgenden wird nur die soziale Sicherheit im engeren Sinne behandelt. Fragestellung:
Diagnose: Zuerst werden die fünf Säulen des deutschen Sozialmodells beschrieben (1. Kapitel: Die fünf Säulen des deutschen Sozialsystems). Dabei geht es nicht um eine Detailanalyse, vielmehr sollen Grundlagen geklärt werden, auf denen spätere Reformvorschläge aufbauen können. Die Beschreibung sollte aber nur insoweit vorgenommen werden, als dies für die Erklärung der Probleme notwendig ist. Ein Überblick über das Sozialsystem wird nicht angestrebt (vgl. Lehrbuch Sozialpolitik von Lampert/Althammer). Die Reformdebatte um den Sozialstaat läuft schon seit Jahrzehnten, wobei alte Positionen oft in einem neuen Gewand auftauchen. Hier wird jetzt der Versuch unternommen, die Diskussion aus einem neuen Blickwinkel aufzunehmen: Üblicherweise richtet sich der Blick auf das Sozialversicherungssystem und staatliche Sozialleistungen. Übersehen wird, dass unsere Gesellschaft auf drei weiteren Säulen der sozialen Sicherheit ruht, nämlich einer Privaten Vorsorgesäule, einer Zivilgesellschaftlichen Säule und der Familiensäule. Erst mit diesen Bereichen ergibt sich ein vollständiges Bild, das im neuen 5-Säulenmodell seinen Ausdruck findet. Dabei wird die Komplexität der sozialen Strukturen erheblich reduziert – und die mit den Säulen verbundenen Strategien treten deutlich zu Tage (Kapitel 1). Danach werden die Strukturprobleme der sozialen Sicherheit beschrieben, erklärt und deren Auswirkungen prognostiziert (2. Kapitel: Sozialpolitische Blockadeknoten). . Der nächste Schritt besteht in einer Diagnose der aktuellen Probleme. Hier kann auf eine kaum noch überschaubare Zahl von wissenschaftlichen Analysen und Darstellungen von involvierten Institutionen zurückgegriffen werden. Dabei ist eine Reduktion von Komplexität notwendig, damit die relevanten Probleme erstens identifiziert, zweitens beschrieben und erklärt sowie drittens deren zukünftige Wirkungen vorausgesagt werden. Vor welchem Hintergrund findet die Reformdebatte statt? Viele Probleme wie Globalisierung oder Strukturwandel sind bekannt, neu ist aber in dieser Darstellung, wie diese Fragen in ihren gesellschaftlichen Kontext eingeordnet werden. So entsteht ein Zusammenhang, in dem ein neues Licht auf die Diskussion geworfen wird. Drei Problemkomplexe werden identifiziert. (Kapitel 2). Eine "möglichst dichte Beschreibung und reichhaltige Erklärung" (Schmidt 2001,12) von Problemen steht im Mittelpunkt. Reformalternativen diskutieren die Eigenschaften des deutschen Sozialmodells herausarbeiten (3. Kapitel: Evolution bzw. Reform oder Revolution? Konsistente und komplementäre Weiterentwicklung des deutschen Sozialmodell ist die adäquate Strategie). Alternativen zum deutschen Modell werden diskutiert: Der alpine, skandinavische oder angelsächsische Weg scheinen Möglichkeiten zu bieten, die auch der deutsche Sozialstaat nutzen könnte. Doch in dieser Darstellung steht im Mittelpunkt, dass das deutsche Modell ein großes Potential besitzt. Dieses Potential ist zukunftsfähig, wenn das deutsche Modell konsistent und komplementär weiterentwickelt wird (Kapitel 3). Therapie: Sind diese Fragen untersucht, wird eine konsistente und komplementäre Weiterentwicklung des sozialen Systems ins Auge gefasst: Handlungsmaximen (Leitlinien, Normen, Prinzipien, Werte und Ziele), die eingehalten oder erreicht werden sollen, werden formuliert und begründet (4. Kapitel: Handlungsmaximen: Neue Balance zwischen Eigenverantwortung und Solidarität). Dabei werden die Handlungsmaximen des deutschen Sozialmodells rekonstruiert und Vorschläge für eine konsistente und komplementäre Weiterentwicklung vorgebracht. Wie sieht eine konsistente und komplementäre Weiterentwicklung aus? Welche Handlungsmaximen (Leitlinien, Ziele und Prinzipien) sollten Sozialen Sicherheit bestimmen? Wie sollten eine neue Kultur der Selbständigkeit und eine neue Kultur der Solidarität in der Sozialpolitik aussehen? Wie sollte eine Balance zwischen Eigenverantwortung und Solidarität gestaltet werden? Wie können beide in Einklang gebracht werde? Auf der normativen Ebene lassen sich zwei Kulturen identifizieren: die Kultur der Solidarität und die Kultur der Selbständigkeit. Dieser Ansatz ist völlig neu und führt zu einem normativen Gebäude, das in seinen einzelnen Bereichen konsistent organisiert werden kann - im Gegensatz zum heutigen System, in dem sich Handlungsmaximen häufig widersprechen. Außerdem verhalten sich die zwei Kulturen in dem neuen Gebäude komplementär, sie ergänzen sich und blockieren sich nicht (Kapitel 4). Handlungsstrategien und -instrumente, mit deren Hilfe man die formulierten Handlungsmaximen erreichen kann, werden vorgestellt (5. Kapitel Handlungsstrategien und -instrumente). In diesen normativen Rahmen sind schließlich Handlungsinstrumente eingebettet: Wer, Individuum versus Gemeinschaft, sollte welche Aufgaben bzw. Kompetenzen wahrnehmen? Wo sollte die Eigenverantwortung des Einzelnen beginnen bzw. die Effizienz des Marktes genutzt werden? Wie könnte eine Reform der Handlungsstrategien und -instrumente aussehen? Wann sollte die staatliche Solidarität der Gemeinschaft greifen? Wie sollte das Verhältnis Markt, Staat und Zivilgesellschaft gestaltet werden? Wie kann ein effizienter und gerechter Umbau der sozialen Sicherheit vorgenommen werden? Normative Grundlagen reichen nicht aus – auf der praktischen Ebene müssen diese Handlungsmaximen in die Tat umgesetzt werden. Dazu klärt diese Darstellung in einer neuen Weise, wie sich Handlungsinstrumente aus den Handlungsmaximen ableiten lassen. So wird konkret anhand von einzelnen Handlungsinstrumenten gezeigt, dass man das deutsche Modell konsistent und komplementär weiterentwickeln kann (Kapitel 5). Legitimation: Die möglichen Auswirkungen in den unterschiedlichen Bereichen werden geschildert und die Vorteile dieser Reformvorschläge begründet (6. Kapitel: Legitimation: Vorteile dieser Reformvorschläge ). Dies ist ein Spiegelbild zu Kapitel 2, dadurch dass hier gezeigt werden soll, dass mit den in den Kapiteln 4 und 5 gemachten Vorschlägen die im 2. Kapitel aufgeführten Probleme gelöst werden. Zum Schluss ist zu klären, welche Vorteile diese neue Organisation des Sozialstaates hat: Die Bürger können auf ein Portfolio unterschiedlicher Instrumente zugreifen, um sich sozial abzusichern. Dabei ist es wichtig, auf bestehende Strukturen aufzubauen – nicht eine Revolution, sondern eine Evolution sollte stattfinden, um den Sozialstaat zukunftssicher zu gestalten. Weiterhin wird gezeigt, dass durch die in Kapitel vier und fünf vorgeschlagenen Verbesserungen die in Kapitel zwei geschilderten Problemkomplexe beseitigt werden können (Kapitel 6).
Die wissenschaftliche Bearbeitung von Problemen setzt eine Reihe impliziter und expliziter Weichenstellungen voraus, und zwar bei der Auswahl von wissenschaftstheoretischen Theorien, Methoden und Forschungstechniken. Damit eine konstruktive Auseinandersetzung möglich ist und in der Diskussionen nicht aneinander vorbei geredet wird, sollten die wissenschaftstheoretische Konzeption bzw. ihre Kriterien dargestellt werden, denen die eigenen Methoden und Theorien genügen sollen. Außerdem sind die angewandten Methoden und Forschungstechniken aufzuzeigen. Die Ergebnisse der modernen Wissenschaftstheorie gilt es zu berücksichtigen: Im Gegensatz zu anderen normativen Theorien (konservative oder dialektisch-kritische) soll ein Rückfall in prämoderne Vorgehensweisen vermieden werden. Diese statischen (geschlossenen) Wissenschaftskonzeptionen lassen sich u. a. dadurch charakterisieren, dass sie von einer Identität von Staat und Gesellschaft ausgehen, keine Unterscheidung zwischen den Begriffen „Sein“ oder „Sollen“ vornehmen und allgemeingültige Maßstäbe formulieren, denen eine einheitliche Methode und ein exklusives Paradigma zugrunde liegen. Diesem prämodernen Ansatz steht die dynamische (offene) Wissenschaftskonzeption gegenüber: Hier wird u. a. zwischen Staat und Gesellschaft unterschieden, sowie den einzelnen Teilsystemen (Recht, Politik, Kultur und Wirtschaft). Außerdem gibt es einen klaren Unterschied zwischen Deskription und normativer Methode („Sein“ und „Sollen“) sowie einen Methodenpluralismus, der zu einer ständigen Neuentwicklung von Methoden, Modellen und Begriffen führt. (vgl. Statische und dynamische Wissenschaftstheorie sowie Theoretische und praktische Wissenschaften). Diese dynamische Wissenschaftskonzeption bildet die Grundlage für dieses Buch, das sich praktische Politikwissenschaft versteht: Im Gegensatz zu ihr setzt sich die Theoretische Wissenschaft zum Ziel, Beschreibungen zu erarbeiten, gesetzesartige Verallgemeinerungen zu finden, Wahrscheinlichkeitsaussagen zu treffen und Prognosen abzugeben. Ihr Erkenntnisinteresse liegt nicht im Handeln, ihre Ergebnisse sind deskriptive, nachprüfbare und begründungsfähige Aussagen. Normen werden nicht aufgestellt, sondern wissenschaftlich beschrieben. Die praktische Politikwissenschaft hingegen geht über Beschreibungen, Erklärungen und Prognosen hinaus: Ihr Ziel ist es, die Frage zu erörtern, wie in konkreten Situationen zu handeln ist. Das Handeln, nicht die Erkenntnis steht im Vordergrund – die praktische Vernunft soll allgemeinverbindliche Handlungsmaximen und -instrumente ermöglichen und rechtfertigen. Dabei kommt der methodischen Vorgehensweise eine zentrale Rolle zu. Denn in ihr liegt der Unterschied zwischen wissenschaftlichen Theorien und bloßen Ideologien, Utopien, Meinungen und Wünschen. Der Inhalt kann in beiden Fällen gleich sein, aber die Theorie beruht auf einer wissenschaftlichen Methode, die einen qualitativen Vorteil gegenüber Ideologien und Meinungen mit sich bringt. In diesem Zusammenhang lässt sich auf der Grundlage einer dynamisch (offenen) Wissenschaftskonzeption ein weiterer Unterschied feststellen: Auf der einen Seite gibt es theoretisches Wissen und theoretische Wissenschaften, auf der anderen Seite praktisches Wissen und praktische Wissenschaften. Das hat für die Politikwissenschaft zur Folge: Sie gehört nicht allein zu den praktischen Wissenschaften, wie es Aristoteles vorgeschlagen hat. Vielmehr ist die Politikwissenschaft sowohl eine theoretische als auch eine praktische Wissenschaft. Damit löst sich auch der Gegensatz zwischen empirisch-analytischen und normativen Theorien auf, sie können konsistent und komplementär nebeneinander existieren. Das gilt auch für Erklären und Verstehen. Die aristotelische und galileische Denktradition stehen nebeneinander und ergänzen sich. Aus diesen Überlegungen ergibt sich für die praktische Politikwissenschaft, dass hier neue Begriffe und Ansätze notwendig sind. In diesem Sinne wird dieses Buch Handlungsmaximen (Leitlinien, Ziele, Gestaltungsprinzipien) formulieren und diese wissenschaftlich begründen. Als praxisorientierte Studie geht es über theoretische Beschreibungen, Erklärungen und Prognosen hinaus; nicht das Sein sondern das Sollen steht im Mittelpunkt. Theoretische und praktische Wissenschaft müssen also kein Gegensatz sein, sie lassen sich seit Kant komplementär denken. Damit wird der alte Konflikt überwunden, der bei von Beyme beschrieben wird: „Im Gegensatz zwischen den normativen Theorien und den neupositivistischen empirisch-analytischen Theorien lebt der alte Konflikt zwischen der aristotelischen Politik als praktischer Philosophie und den rationalistischen und empiristischen Theorien der Neuzeit seit Machiavelli, Bacon und Hobbes fort, die sich vornehmlich an einem technisch-rationalen Begriff des politischen orientieren“ (von Beyme 2000:39). Auf diese Weise unterscheidet sich dieses Buch auch von der Politikfeldanalyse, die der Theoretischen Wissenschaft zuzuordnen ist. Die Politikfeldanalyse beschreibt das System der sozialen Sicherheit (deskriptive Analyse), erklärt die Ursachen für einzelne Entwicklungen und stellt Prognosen auf. So nennt Manfred G. Schmidt sechs Theorien, auf denen die vergleichende Wohlfahrtsforschung beruht: Diskutiert werden sozioökonomische Bedingungen, die Verteilung von Machtressourcen, der Einfluss von Parteien, die Strukturen des Staates, die internationalen Verflechtungen und politische Weichenstellungen in der Vergangenheit. Die Politikfeldanalyse stößt auf bestimmte Grenzen, wenn es um wohlfahrtsstaatliche Politik geht: Sie liefert keine wissenschaftlich begründeten Vorschläge zu Reform der sozialen Sicherheit. Dieses Buch wählt einen neuen methodischen Ansatz, es fängt da an, wo die etablierte Wissenschaft, auch die Politikfeldanalyse, an ihre Grenzen stößt: Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf konkrete Reformvorschläge, deskriptive Elemente dienen dem Ziel, argumentativ neue Wege in der Sozialpolitik zu bahnen. So versteht sich dieses Buch als ein Beitrag zu einer praktischen Politikwissenschaft, weil es ein normatives Gebäude entwickelt, in das realitätstaugliche Konzepte hineinpassen. Dieser rote Faden zieht sich durch die gesamte Darstellung, immer geht es um praktische Reformen, deren Notwendigkeit wissenschaftlich begründet wird. Eine ausführliche Darstellung der wissenschaftstheoretischen Grundlagen und methodisches Vorgehen findet man unter: http://www.praktische-politikwissenschaft.de/ Eine Erörterung des methodischen und theoretischen Standorts einer praktischen Politikwissenschaft finden Sie unter: www.praktische-politikwissenschaft.de Die wissenschaftliche Bearbeitung von Problemen setzt eine Reihe impliziter und expliziter Weichenstellungen bezüglich der Auswahl von wissenschaftstheoretischen Konzeptionen, Theorien, Methoden und Forschungstechniken voraus. Damit eine konstruktive Auseinandersetzung möglich bzw. ein aneinander vorbei Argumentieren vermieden wird, sollten erstens die wissenschaftstheoretische Konzeption bzw. die Kriterien darstellen, denen die eigenen Methoden und Theorien genügen sollten, und zweitens die angewandten Theorien, Methoden und Forschungstechniken. Die Ergebnisse der modernen Wissenschaftstheorie sollen berücksichtigt und im Gegensatz zu anderen normativen Theorien (konservative oder dialektisch-kritische) soll ein Rückfall in prämoderne Vorgehensweisen vermieden werden (vgl. Statische und dynamische Wissenschaftstheorie sowie Theoretische und praktische Wissenschaften ). Am Beispiel der Gegenwartsproblematik der sozialen Sicherheit soll eine Studie erstellt werden, die sich als Teil einer praktischen Politikwissenschaft versteht (vgl. Theoretische und praktische Politikwissenschaft ), d.h. das sie über Beschreibungen, Erklärungen und Prognosen hinausgeht. Es sollen insbesondere allgemeinverbindliche Handlungsmaximen (Leitlinien, Normen, Prinzipien, Werte und Ziele) und Handlungsstrategien (Rechtshandlungen wie Gesetze, Verordnungen, Richtlinien, Entscheidungen, Empfehlungen, Entschließungen, Erklärungen, (Aktions)Programme) wissenschaftlich begründet werden. Als praxisorientierte Studie soll sie über theoretische Beschreibungen, Erklärungen und Prognosen hinausgehen. Nicht das Sein, sondern das Sollen steht im Mittelpunkt. Politik, Kultur, Moral, Recht und Wirtschaft bilden keine unabhängigen Subsysteme, die jeweils einem eigenen Code gehorchen und nicht aufeinander wirken (Niklas Luhmann), sondern sind verschiedene Dimensionen ein und derselben Sache. Änderungen in einzelnen Subsystemen wirken sich mehr oder weniger gravierend auf alle anderen aus. Dies hat nun für eine Untersuchung innerhalb einer praktischen Wissenschaft zur Folge, dass man schon bei der Problembeschreibung die Auswirkungen von konkreten Handlungen und Handlungsstrategien in möglichst allen oben genannten Bereichen berücksichtigen muss. Politik zeichnet sich dadurch aus, das sie über die Kompetenz-Kompetenz verfügt: In diesem Bereich wird festgelegt, welche Probleme öffentlich, welche privat gelöst werden müssen (hier die Diskussion über Eigenverantwortung versus Solidarität), nach welchen Handlungsmaximen entschieden wird. Weiterhin innerhalb welcher Subsysteme welche Institutionen mit welchen Handlungsstrategien und Mittel die öffentlich festgelegten und von der Gemeinschaft wahrzunehmenden Aufgaben erledigt werden (konkrete Ausgestaltung der sozialen Sicherung).
Um zu konkreten Reformvorschlägen zu kommen, werden in diesem Buch neue Begriffe eingeführt. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, eine neue Methode anzuwenden, damit eine präzise Beschreibung und Erklärung von Problemen erreicht wird. Ein neuer Blick auf das Sozialsystem ist möglich. Außerdem lassen sich so die Vorschläge in diesem Buch besser formulieren. Die neuen Begriffe dienen auch der wissenschaftlichen Diskussion: Widerspruch fällt leichter, wenn ein Sachverhalt klar zum Ausdruck kommt. Diese neuen Begriffe sind: Handlungsmaximen, Handlungsstrategien und Handlungsinstrumente sowie Handlungsanweisungen. Was ist im Einzelnen unter ihnen zu verstehen? Für die Zielgerichtete Lösung eines jeden Problems ist es notwendig, im Vorhinein möglichst präzise zu formulieren, welches Ziel erreicht werden soll, um daraus sodann die effektivsten Instrumente für die Erreichung des Zieles ableiten zu können. Am Beispiel der Studie zum deutschen Sozialsystem werden zu diesem Zweck Handlungsmaximen, -strategien und -Instrumente auf dem Niveau der Allgemeingültigkeit herausgearbeitet, formuliert und wissenschaftlich begründet.
Pragmatischer Ansatz Das Buch folgt in seinen ersten drei Kapiteln einem pragmatischen Ansatz, die Rückkopplung mit der Realität steht im Vordergrund. So liegt mit den o g. Begriffen ein neues Instrumentarium vor, um im Rahmen praktischer Politikwissenschaft Reformvorschläge zu entwickeln. Dazu ist es zuerst nötig, im Sinne einer Diagnose die fünf Säulen des bestehenden Sozialmodells zu beschreiben. Das geschieht aber nicht mit dem Anspruch, jedes Detail auszuleuchten, weil ein vollständiger Überblick den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Das ist auch überhaupt nicht notwendig, da die Beschreibung nur in den Bereichen ansetzen muss, wo sie zur Erklärung der Probleme benötigt wird (Problembeschreibung). Zu dieser Diagnose tritt eine gründliche Ursachenforschung hinzu (Problemerklärung): Nach den fünf Säulen und ihrer Funktionsweise rücken die Strukturprobleme der sozialen Sicherheit in den Mittelpunkt. Sie werden erklärt und beschrieben, außerdem ihre Auswirkungen prognostiziert. Dabei ist eine Reduktion von Komplexität sinnvoll, damit die relevanten Probleme überhaupt identifiziert werden können. Nur so ist eine Beschreibung möglich, und künftige Wirkungen können vorausgesagt werden. Es geht um eine „möglichst dichte Beschreibung und reichhaltige Erklärung“ (Schmidt 2001, 12). An dieser Stelle kann auf eine kaum noch überschaubare Zahl von wissenschaftlichen Analysen und Darstellungen sowie von involvierten Institutionen zurückgegriffen werden. Das Erkenntnisleitende Interesse besteht in der Bewältigung der Herausforderungen, die eine Reform der sozialen Sicherheit mit sich bringt. Nach John Dewey ist das Erkennen ein Mittel, um theoretisch und praktisch allen Herausforderungen begegnen zu können, die sich in der Wirklichkeit mit ihren Problemen ergeben. Nach Diagnose und Ursachenforschung sollen vorhandene Problemlösungsvorschläge diskutiert werden: An alternativen Sozialmodellen wird untersucht, ob sie einen Vorbildcharakter haben könnten. Vor ihrem Hintergrund werden die Eigenschaften des deutschen Modells herausgearbeitet, und es zeigt sich, dass dieses Sozialmodell ein großes Potential besitzt, zukunftssicher weiterentwickelt zu werden. Eine solche konsistente und komplementäre Weiterentwicklung des deutschen Modells wird als adäquate Strategie identifiziert. Ethisch-moralischer Ansatz Diese Weiterentwicklung wird durch einen ethisch-moralischen Ansatz begründet, der im vierten Kapitel zum Tragen kommt: Er ermöglicht es, praktische Problemlösungsvorschläge zu formulieren. Nach dem Sein rückt das Sollen in den Mittelpunkt: Handlungsmaximen (Leitlinien, Ziele, Gestaltungsprinzipien) werden aufgestellt und begründet. Sie sollen eingehalten oder erreicht werden, um dem System der sozialen Sicherheit einen stabilen normativen Rahmen zu geben. Auf ihnen gründet sich in der Regel die Identität einer Gesellschaft. Dazu werden die Handlungsmaximen des deutschen Sozialmodells rekonstruiert und Vorschläge für eine konsistente und komplementäre Weiterentwicklung vorgebracht. Denn Handlungsmaximen gibt es bereits in einer ausreichenden Zahl – problematisch ist die fehlende Struktur, die ein effizientes Zusammenspiel möglich macht. Diese Struktur wird hier erarbeitet. Technisch-instrumenteller Ansatz Zu einer Diagnose gehört immer eine Therapie, wozu im fünften Kapitel ein technisch-instrumenteller Ansatz gewählt wird: Hier werden technisch-instrumentelle Problemlösungsvorschläge entwickelt, die als Sozialtechnologie (Weber, Popper) verstanden werden können. Es handelt sich um Handlungsstrategien, Handlungsinstrumente und Handlungsanweisungen, mit denen in der Praxis erreicht wird, was durch die Handlungsmaximen vorgezeichnet ist. Diese technischen Problemlösungsvorschläge werden hier vorgestellt und in das 5-Säulen-Modell eingeordnet. Schließlich geht es im sechsten Kapitel um die Legitimation der
eigenen Reformvorschläge, deren Vorteile herausgearbeitet werden, und zwar vor
dem Hintergrund der bereits erfolgten Ursachenforschung. Jeder Reformvorschlag
wird in seinen möglichen Auswirkungen geschildert, wobei immer ein Zusammenhang
zu den im zweiten Kapitel aufgeworfenen Problemen hergestellt wird. So zeigt
sich, wie diese Vorschläge einen konkreten Bezug zur Realität des deutschen
Sozialmodells haben.
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